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Freitag, 10. November 2017

[The Atlantic] - Die digitalen Ruinen einer vergessenen Zukunft


Quelle: The Atlantic / Wikipedia
Was als Überschrift wie Philosophie rüberkommt, ist ein weiterer, monumentaler Artikel zum Thema Second Life, der heute in der Online-Zeitschrift The Atlantic erschienen ist. Ich hatte ja bereits am 25. Oktober über einen ähnlich langen Artikel von Ars Technica berichtet. Wobei die Story im Atlantic von der Länge her schon fast den Umfang eines Reclam-Heftes hat.

Geschrieben wurde dieses Essay von Leslie Jamison, einer recht bekannten US-Autorin, die sogar einen kleinen Wikipedia.de Eintrag bei uns hat. Eine Zusammenfassung schreibe ich dazu heute nicht. Das würde weit über meinen Freizeitrahmen hinaus gehen. Ich übernehme stattdessen ein paar Anmerkungen von New World Notes, die Wagner James Au geschrieben hat. Er hatte bereits vor zwei Wochen auf das Erscheinen dieses Artikels aufmerksam gemacht.

Leslie Jamison / Quelle: The Paris Review
Leslie beschreibt in ihrer SL-Betrachtung weniger die technischen Eigenschaften von Second Life, sondern mehr die Menschen, die aus der virtuellen Welt das gemacht haben, was sie heute ist. Darauf weist auch schon die kurze Einleitung unter der Überschrift hin. Sie lautet:
"Second Life sollte die Zukunft des Internets werden, aber dann kam Facebook. Trotzdem verbringen viele Menschen jeden Tag Stunden damit, diese virtuelle Welt zu bewohnen. Ihre Geschichten - und die Welt, die sie aufgebaut haben - veranschaulichen die Hoffnungen und Grenzen des Online-Lebens."
Leslie versucht in ihrer Betrachtung Antworten auf Fragen zu finden, die auch in ihrer RL-Arbeit öfters auftauchen: Wie knüpfen wir Verbindungen zu anderen Menschen? Was macht Intimität aus? Wo und wie finden wir eine Bedeutung an erstaunlichen Orten? Leslie sagt in ihrem Interview mit Wagner, dass man die Überschrift des Artikels nicht negativ auffassen soll. Es geht um den Bezug auf eine unvollkommene Online-Utopie, in der es von Menschen wimmelt, während der Großteil der realen Welt wegschaut.

Eine der Personen, die im Artikel näher vorgestellt werden, ist Gentle Heron, die Initiatorin von Virtual Ability. Das ist eine SL-Organisation, die behinderten Menschen einen Teil von Eigenständigkeit in Second Life erleben lässt, die so in der physischen Welt nicht mehr für sie möglich ist. Weitere Protagonisten im Essay sind Gidge Uriza, Bara Jonson, Free und Alicia Chenaux. Dazu gibt es viele Fotos aus SL aber auch von den RL-Personen an der Tastatur.

Gentle Heron / Quelle: The Atlantic
Hier endet Wagners Kurzbetrachtung zum Atlantic Artikel auch schon. Deshalb nun doch noch ein paar Gedanken von mir.

Was mir in diesem Artikel noch gut gefallen hat, ist Leslies Beschreibung zur beliebten Frage, was Second Life eigentlich ist. Zuallererst - kein Spiel, sondern eine Plattform. Es gibt dann ein paar statistische Zahlen aus dem Jahr 2013 und es werden viele unterschiedliche Dinge aufgezählt, die in Second Life möglich sind. Auch das alles von den Avataren gebaut wird, die wiederum von den Menschen hinter der Tastatur gesteuert werden. Ein Satz klingt zwar etwas hochtrabend, trifft aber im Grunde schon zu (zumindest aus meiner Sichtweise). "Von deinem Standpunkt aus, funktioniert Second Life so als wärst du ein Gott."

Leslie schreibt, dass aus heutiger Sicht Second Life kein veraltetes Relikt ist, sondern ein verzerrtes Spiegelbild der realen Welt, in der viele von uns leben.

Gidge Uriza / Quelle: The Atlantic
Natürlich bekommt auch Philip Rosedale einen Abschnitt in diesem Artikel (mit coolem Foto in typischer Pose). Philip war 1999 zum ersten Mal auf dem realen Burning Man Festival in der Wüste von Nevada. Und dort passierte mit ihm etwas, das seine Persönlichkeit veränderte, ganz ohne Drogen. Er sagt, dass er sich mit allen Menschen eng verbunden fühlte, auf eine Weise, die man üblicherweise so nicht wahrnimmt.

Und dieses Erlebnis hatte einen großen Anteil daran, dass wir heute Second Life haben. Denn er wollte danach einen Ort erschaffen, den die Menschen beliebig formen und gestalten können, ganz egal, was das auch sein würde.

Okay, ich habe den Artikel nicht mal angekratzt mit meinen Auszügen. Wer Englisch kann und am Wochenende viel Zeit hat, sollte sich das mal durchlesen. Es ist eine ziemlich gute Beschreibung der Stärken von Second Life. Auch wenn man es von der Überschrift her nicht vermuten würde.

Wer zu faul zum Lesen ist, kann sich auch den kompletten Artikel vorlesen lassen. Ich habe jedoch so meine Schwierigkeiten, der vorlesenden Dame zu folgen, denn sie ist etwas schnell und ihre Modulation liegt mir nicht.

Artikel auf Soundcloud vorlesen lassen:



Quelle: [The Atlantic] - The Digital Ruins of a Forgotten Future

Links:

Kommentare:

  1. Ein ziemlich kraftvoller, die Möglichkeiten und Vorzüge von Second Life gut veranschaulichender Essay. Für meinen Geschmack ist er aber dennoch nicht analytisch genug.

    In einem für den angelsächsischen Journalismus typischen Aufbau wird durch die Aneinanderreihung exemplarischer "Einzelschicksale" durchaus gekonnt eine empathische Verbindung zwischen dem Leser und den im Artikel beschriebenen Protagonisten (SL-Nutzern) hergestellt. Man fühlt mit den "Betroffenen", kann sich leichter in sie hineinversetzen.

    Jemand der Second Life nicht kennt und den Reiz sich jeden Tag stundenlang in einer solchen virtuellen Welt aufzuhalten nicht wirklich nachvollziehen kann, wird auf diesem Weg sicherlich ein guter Einblick gegegeben, warum das virtuelle Paralleleben für viele Nutzer so faszinierend und anziehend ist.

    Für jemanden der Second Life aber kennt, bringt der Artikel meines Erachtens nicht so viel Neues. Und hier springen einem dann auch schneller die empirischen Defizite ins Auge. Aber nun gut, Hauptadressaten waren sicherlich auch nicht Leser die mit Second Life bereits vertraut sind, sondern solche, die es nicht sind.

    Meine beiden Lieblingsstellen:

    "Au told me that initially he was deeply excited by the premise of Second Life, particularly the possibilities of its user-generated content, but that most people turned out to be less interested in exercising the limits of their creative potential than in becoming consumers of a young, sexy, rich world, clubbing like 20-somethings with infinite money. Rosedale told me he thought the landscape of Second Life would be hyper-fantastic, artistic and insane, full of spaceships and bizarre topographies, but what ended up emerging looked more like Malibu. People were building mansions and Ferraris."

    LOL Das trifft es ganz gut. Wobei die meisten dabei sicherlich denken "So what?". Dieser Hang hin zur Oberflächlichkeit, zur ästhetischen Perfektion und Gleichförmigkeit wird ja ganz offensichtlich nicht als Problem erkannt - zumindest nirgendwo kontrovers diskutiert.

    "Some people call Second Life escapist, and often its residents argue against that. But for me, the question isn’t whether or not Second Life involves escape. The more important point is that the impulse to escape our lives is universal, and hardly worth vilifying. Inhabiting any life always involves reckoning with the urge to abandon it—through daydreaming; through storytelling; through the ecstasies of art and music, or hard drugs, or adultery, or a smartphone screen. These forms of “leaving” aren’t the opposite of authentic presence. They are simply one of its symptoms—the way love contains conflict, intimacy contains distance, and faith contains doubt.!"

    Auch das ist schon oft mein Gedanke gewesen. Denn ja, man kann sich an den verschiedenen Vorurteilen die Nicht-SL-Nutzer gegenüber SL-Nutzern haben abarbeiten, man kann sich gegen den Verweis auf die "Realitätsflucht" wenden. Oder aber, man fährt den Mittelfinger aus, und sagt "Ja, ich bin bekenne, ich bin ein Realitätsflüchtling und das ist völlig okay" ;-).

    Denn wie Leslie Jamison in diesem letzten Absatz ganz gut zusammenfasst, ist dieser Drang, dieses Bedürfnis durch welchen Kanal auch immer für einen gewissen Zeitraum der Härte der realen Welt zu entkommen, etwas ganz Normales, allzu Menschliches.

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    1. Ich habe den Artikel nicht so analytisch gelesen wie du. Für mich war es eine kleine Feierabendlektüre und ich konnte dem größeren Teil der Aussagen zustimmen. Würde man so einen Artikel derart ausführlich gestalten, dass alle Second Life Nutzer sich wiederfinden, dann wäre er für Außenstehende ungenießbar.

      Was dein erstes Zitat und dein Kommentar dazu angeht: Meines Erachtens gestalten sich die meisten SL-Nutzer ihr virtuelles Umfeld so, wie sie ihr reales Umfeld gerne hätten, aber aus irgendeinem Grund nicht so hinbekommen. Das reicht vom Idealgewicht des eigenen Körpers, über ein Haus (auf einer Palmeninsel) bis hin zur Superyacht, die am eigenen Bootssteg ankert. Für diese Leute ist so ein virtuelles Umfeld eben das, was sich Rosedale eigentlich unter "hyper-fantastic, artistic and insane, full of spaceships and bizarre topographies" für SL gewünscht hatte. Ich erkenne in diesem Verhalten der Nutzer aber kein Problem. Denn unsere westliche Hochleistungsgesellschaft lässt es in meinen Augen gar nicht zu, dass sich die Mehrheit der Gesellschaft aus exzentrischen, mega kreativen und hochgradig künstlerisch veranlagten Individuen zusammensetzt.

      P.S.
      Ich habe deinen Kommentar in dem anderen Beitrag entfernt. Ich hoffe, das geht in Ordnung? War ja nur der Hinweis, dass er an der falschen Stelle gemacht wurde.

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  2. eine ausführliche Geschichte
    wie Koks schreibt sicher ein gut erklärter Einblick für Leute,die SL nur oberflächlich vom Hörensagen kennen
    das FB oft mit SL verglichen wird bzw.als dessen Konkurrenzmodell wundert mich doch,wobei ich FB nie kennengelernt hab und auch nicht die Absicht hab das zu tun
    sind aber doch zwei verschiedene Welten m.M.

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    1. Also direkt wird Facebook nicht mit Second Life verglichen. Es wird nur in Betracht gezogen, dass Facebook so viele Nutzer für sich gewinnen konnte, dass das Interesse an Second Life darunter gelitten hat. Ein richtiger Facebook Junkie hat eben keine Zeit dafür, sich auch noch mit SL zu befassen.

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    2. Ja genau.
      Und ich persönlich vergleiche es auch manchmal, obwohl ich FB nicht sonderlich mag und mein account nicht mal meinen Klarnamen trägt. Ich musste zwar meinen SL Namen wegmachen weil FB mir sonst den account gesperrt hätte (etwas das ja vielen Menschen so ging), aber auch ein real klingender und dennoch nicht existenter Name ist für mich kein Klarname..........aber das ist n anderes Thema..
      Ich vergleiche SL deshalb mit FB weil man Außenstehenden damit ziemlich nahe bringen kann, was SL in puncto "socialzizing" für Leute bedeuten kann.
      Ich sage oft "stell es Dir einfach vor wie Facebook in drei D, mit Avataren und einer Umwelt." Der Vergleich hinkt natürlich, wie alle Vergleiche, aber da die meisten Leute seltsamerweise FB lieben und permanent darin herum eiern, bringt man sie so zumindest zum Ansatz des Verstehens und Nachvollziehens, weil sie anfangen zu denken anstatt SL einfach nur kopfschüttelnd abzuwinken.

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